1. Konfrontationsaufgabe: Wie fühlt sich das an? Empathie als Schlüssel zur Demokratie
Worum geht es?
Die Schüler:innen begegnen zum Einstieg einigen fiktiven, aber authentischen Fallbeispielen aus der digitalen Lebenswelt: Ein Beitrag, ein Kommentarstrang oder ein Chatverlauf in den “Big Four” der Social Media Plattformen zeigt eine Situation, in der eine Person online abgewertet, verspottet oder ausgegrenzt wird. Noch geht es nicht darum zu klären, ob es sich um eine Meinungsäusserung, um einen verletzenden Kommentar, um toxische Sprache oder um Hate Speech handelt.
Die Schüler:innen reagieren zunächst intuitiv auf die Beispiele. Sie überlegen, wie die Beiträge auf sie wirken, wie sich die betroffene Person fühlen könnte und was sie selbst als lesende Person tun würden. Dabei wird sichtbar, dass nicht alle dieselben Grenzen ziehen und dass verletzende Online-Kommunikation oft verharmlost wird: «War doch nur ein Witz», «Das meint niemand ernst» oder «So ist das Internet halt».
Im Zentrum steht die Einsicht, dass Empathie eine wichtige Kompetenz für digitale Gemeinschaften ist. Wer online liest, kommentiert oder schweigt, gestaltet den Kommunikationsraum mit. Auf myMoment sollen Schüler:innen erleben, dass digitale Plattformen unterschiedliche Stimmen sichtbar machen können – aber nur, wenn sich möglichst alle sicher fühlen, Beiträge zu veröffentlichen und Rückmeldungen zu erhalten.
Ziele
Die Schülerinnen und Schüler…
- nehmen wahr, dass Online-Kommunikation bei Menschen unterschiedliche Gefühle auslösen kann.
- erkennen, dass verletzende Kommentare nicht harmlos sind, auch wenn sie als Witz oder Meinung verpackt werden.
- beschreiben erste Unterschiede zwischen Meinung, Beleidigung, toxischer Sprache und Hate Speech.
- reflektieren ihre Rolle als Lesende / Zuschauende in einer digitalen Community.
- formulieren erste Vermutungen dazu, was eine angemessene Reaktion sein könnte.
Materialübersicht
- Fallbeispiele in Schweizerdeutsch (PDF)
(erstellt mit https://zeoob.com/, es können damit auch eigene Beispiele erstellt werden)
- Orientierungshilfe für die Lehrperson zu den Fallbeispielen (PDF)
- Arbeitsblatt «Wie wirkt das auf dich?» (PDF) oder als Word
- vorbereitete Positionslinie im Klassenzimmer: «unproblematisch» – «klar nicht OK»
- Optional: kurze Videosequenz, in der verletzende Online-Kommunikation in eine reale Situation übertragen wird.
Z.B. Video „In Real Life #BeStrong”
Wichtig: Das Video enthält teilweise sehr harte Aussagen zu Homophobie, Rassismus, Muslimfeindlichkeit, Bodyshaming und Suizid. Die Lehrperson muss unbedingt vorab prüfen, unter welchen Bedingungen, mit welchen Informationen oder ob das Video überhaupt in der Klasse gezeigt werden kann. Das Video entstammt dem Anti-Bullying PSA Act (https://www.upworthy.com/operation-smile/, aufgerufen am 24.6.26)
- Tools zum Erstellen einer gemeinsamen Wortwolke:
https://www.wooclap.com/de/kollaborative-wortwolken/ oder https://livecloud.online/de/wordcloud
Hinweis für die Lehrperson
In dieser Aufgabe geht es noch nicht darum, dass die Schüler:innen die Begriffe «toxische Sprache» und «Hate Speech» bereits kennen oder korrekt definieren. Vielmehr sollen sie merken, dass digitale Kommunikation Wirkung hat und dass die Grenzen zwischen Meinung, Witz, Beleidigung, toxischer Sprache und Hate Speech nicht immer von allen gleich wahrgenommen werden. Es geht darum, die Empathie der Schüler:innen anzusprechen.
Wichtig ist, den Blick nicht auf einzelne «Täter:innen» zu verengen. Hate Speech wird meist von wenigen Personen aktiv verbreitet. Für die Schule und für myMoment ist deshalb besonders bedeutsam, die grosse Mehrheit der Schüler:innen in ihrer Rolle als Lesende und Mitgestaltende der Community zu stärken. Sie sollen erkennen, wann Kommunikation problematisch wird, wie sie Betroffene unterstützen können und wann Hilfe oder Moderation notwendig ist.
Quelle: https://public-discourse.org/public-discourse-indicator, Screenshot vom 15.6.26
Aktuell weisen Untersuchungen der ETH aus, dass 5 Prozent der Nutzer:innen 78 Prozent der eingereichten Hasskommentare verfassen. (https://public-discourse.org/articles/wie-viele-userinnen-sind-f%C3%BCr-wie-viel-hass-verantwortlich)
Die Fallbeispiele sind fiktiv, aber lebensnah angelegt. Sie sollen keine realen Konflikte aus der Klasse aufnehmen und keine Schüler:innen blossstellen. Falls im Unterricht eigene Erfahrungen eingebracht werden, achtet die Lehrperson darauf, dass keine Namen genannt und keine verletzenden Aussagen unnötig wiederholt oder verstärkt werden.
Aufgabenstellungen
- Die Lehrperson zeigt der Klasse nacheinander die fiktiven Fallbeispiel (siehe Materialien) über den Screen. Die Fallbeispiele wurden über https://zeoob.com/ erstellt, Bilder teils mit ChatGPT generiert, und stellen die „Big Four“ der Smartphone-Apps bei Jugendlichen dar: Instagram, TikTok, WhatsApp und Snapchat (James Studie 2024, ZHAW). Die Lehrperson kann über zeoob auch eigene Beispiele kreieren. Wichtig ist, dass die Situation nicht sofort eindeutig ist und Raum für unterschiedliche Einschätzungen lässt.
- Die Schüler:innen betrachten die Beispiele still für sich. Sie notieren auf dem Arbeitsblatt «Wie wirkt das auf dich?» erste, spontane Gedanken:
- Was passiert hier?
- Wie könnte sich die betroffene Person fühlen?
- Was würdest du als lesende Person tun?
- Ist das noch Meinung, ein Witz, eine Beleidigung…? Als was siehst du das?
- Anschliessend positionieren sich die Schüler:innen, zum Beispiel auf dem Gang, auf einer Linie zwischen «unproblematisch» und «klar nicht okay». Die Lehrperson wählt einzelne Schüler:innen aus, die ihre Position begründen. Es geht dabei noch nicht um eine abschliessende Bewertung, sondern um unterschiedliche Wahrnehmungen und Begründungen. Ein zentraler Punkt ist zu beschreiben, wie sich die betroffene Person wohl fühlt.
- In Partnerarbeit vergleichen die Schüler:innen ihre Einschätzungen. Sie achten besonders darauf, ob sie die Situation gleich oder unterschiedlich beurteilen und welche Gründe sie dafür nennen.
- Die Klasse wird danach gefragt, ob die Schüler:innen selbst schon mit ähnlicher Online-Kommunikation oder entsprechenden Beiträgen konfrontiert wurden. Wer mag, darf berichten. Der Fokus liegt dabei stets darauf, wie es der betroffenen Person dabei wohl ergeht. Die Lehrperson achtet darauf, dass keine konkreten Personen aus der Klasse oder Schule blossgestellt werden.
- Optional zeigt die Lehrperson eine kurze Videosequenz, in der unangemessenes Online-Verhalten in eine reale Situation übertragen wird (siehe Materialien: in Real Life #bestrong). Anschliessend diskutieren die Schüler:innen in der Klasse oder im Think-Pair-Share:
- Wie wirkt die Situation auf mich?
- Warum wirkt dieselbe Aussage anders, wenn sie jemandem direkt ins Gesicht gesagt wird?
- Was zeigt das über Online-Kommunikation?
- Zum Abschluss dieser ersten Aufgabe werden mit einem Online-Tool zwei Wortwolken erstellt. Die Schüler:innen beantworten dazu nacheinander diese Fragen und nennen:
- Wie können wir erkennen, wann Online-Kommunikation oder Beiträge verletzend sind?
- Wie können wir in einer Community darauf reagieren?
Die entstandenen Wortwolken werden abgespeichert. Sie werden später, nach der Erarbeitung der weiteren Inhalte, nochmals betrachtet. So können die Schüler:innen ihre ersten Einschätzungen mit ihrem neu erworbenen Wissen vergleichen und ihre Lernspuren sichtbar machen.
Weiter zu 2) Erarbeitungsaufgabe: Eine gemeinsame Sprache finden: Hate Speech, toxische Sprache und Meinungsfreiheit unterscheiden